Newsletter „Sustainable Finance Kompakt“ 04/2026

Liebe VfU-Community,

Liebe Leserinnen und Leser, 

 

der April stand im Zeichen globaler Verwerfungen: Krieg, Waffenstillstandsverhandlungen, gestörte Ölversorgung durch die Straße von Hormuz, überlastete Schifffahrtsrouten, stark steigende Energiepreise und die politischen Reaktionen darauf bestimmten das Geschehen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach – unter Bezugnahme auf die Internationale Energieagentur (IEA) – von der größten Angebotsstörung bei der Ölversorgung aller Zeiten (eine Verringerung um 13 Millionen Barrel pro Tag) und warnte vor wirtschaftlichen Folgen, die – nicht zuletzt abhängig von der Dauer der Krise – noch nicht abzusehen sind (Rede vom 20. April 2026).

Die Verwundbarkeit und Abhängigkeit energieimportierender Volkswirtschaften, insbesondere in Europa, wird in diesen Tagen besonders sichtbar, (vgl. auch Frank Elderson, Mitglied des Direktoriums der EZB). Mehr noch: Es zeigt sich mit aller Deutlichkeit, dass die Klimatransition und der Ausbau erneuerbarer Energien ein Thema der Energiesicherheit sind – und damit der zentrale Faktor der Resilienz moderner Volkswirtschaften. Sasja Beslik bringt es in seinem lesenswerten Blogbeitrag The Line Between „Sustainable Finance“ and Traditional Finance Is Fading Before Our Eyes treffend auf den Punkt:

„…we are attempting the largest industrial transformation in modern history while demand for energy accelerates through electrification and AI. Two systems running in parallel: one declining, one emerging — both capital intensive, both politically contested. The real question is no longer philosophical. It is brutally practical: can capitalism reprice reality fast enough to avoid destabilising itself?“

Die Perspektive der Nachhaltigkeit ist gleichbedeutend mit der strategischen Perspektive zum Umgang mit den Zukunftsfragen (geworden).

Im Global Energy Review 2025 der IEA, der im vergangenen Monat herausgegeben wurde, kann man diesen Umbruch und die Parallelität im Energiesystem gut erkennen. Alle wichtigen Energieträger und -technologien verzeichneten im Jahr 2025 ein Wachstum. Die Photovoltaik (PV) legte dabei das größte Wachstum hin und deckte mehr als 25 % des gestiegenen Bedarfs, gefolgt von Erdgas, das 17 % beitrug. In der Europäischen Union erreichte der Anteil von Solar-PV und Windenergie an der Stromerzeugung im Jahr 2025 30 % und übertraf damit erstmals den Anteil fossiler Brennstoffe. Insgesamt stieg die Nachfrage nach Strom mehr als doppelt so schnell wie die Energienachfrage, was die IEA so deutet, dass die Welt in das Zeitalter der Elektrizität eingetreten ist.

Die Transformation kostet Geld, die Energiekrisen auch. Das UK Climate Change Committee, das Gremium, das die Regierung des Vereinigten Königreichs von Großbritannien in Klimafragen berät, schätzt, dass die zusätzlichen Gesamtkosten eines einmaligen Preisanstiegs bei fossilen Brennstoffen in der Größenordnung des Energieschocks des Jahres 2022 wahrscheinlich genauso hoch sein dürften wie die gesamten Netto-Mehrkosten, die durch die Transition zu einer klimaneutralen Wirtschaft in jedem einzelnen Jahr bis 2050 entstehen.

Wie es um die Fortschritte auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft in Deutschland steht, analysiert  der Bericht des Umweltbundesamtes zu den Treibhausgas-Projektionen, in dem jährlich ein Abgleich der Ist-Emissionen mit den Zielen des verschärften Bundes-Klimaschutzgesetzes vorgenommen und auf die Jahre 2030, 2040 und 2025 projiziert wird. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die sektorübergreifende Jahresemissionsgesamtmenge für 2021–2030 wird zwar rechnerisch noch knapp eingehalten, das Ziel der Netto-Treibhausgasneutralität bis 2045 droht jedoch verfehlt zu werden.

Wie die Staatengemeinschaft der Vereinten Nationen es dennoch schaffen kann, die Ziele vom Pariser Klimaabkommen 2015 einzuhalten, wird jährlich an den Petersberger Klimadialogen – zur Vorbereitung der nachfolgenden Conference of the Parties (COP) besprochen. Bundeskanzler Merz teilte in einer Rede seine Sicht auf die Verknüpfung von Klima- und Wirtschaftspolitik.

Diese Transformation sowie die wachsenden physischen Risiken des Klimawandels stellen Realwirtschaft und Finanzsektor gleichermaßen vor Herausforderungen. Der Monatsbericht der Deutschen Bundesbank (April 2026) widmet sich folgerichtig dem Themenschwerpunkt Nachhaltigkeitsrisiken in der Bankenaufsicht – mit Ausführungen zu ESG in der Bankenregulierung sowie Analysen zu Finanzwirtschaft, Natur und Biodiversität.

In diesem Kontext steht auch eine neue Studie eines Bundesbank-Autorenteams, die untersucht, inwieweit Banken in Deutschland von Ökosystemleistungen wie sauberem Wasser oder fruchtbarem Boden abhängig sind. Grundlage sind Daten von rund 1.200 Banken und ein Kreditvolumen von 1,7 Billionen Euro. Das Fazit: Das Finanzsystem und die Natur sind enger miteinander verknüpft als vielfach angenommen – und Banken müssen naturbezogene Risiken stärker in ihre Risikoplanung einbeziehen.

Mit der vom BMUV geförderten Studie „Biodiversität in der Kreditvergabe. Ein praxisorientierter Ansatz zur Identifikation und Anwendung von KPIs in drei ausgewählten Sektoren“ haben unser VfU-Kollege Patrick Weltin und Andrea Reuter vom GNF einen wertvollen Beitrag geleistet, das Thema Biodiversität im Kreditgeschäft greifbarer zu machen. Am Beispiel dreier Sektoren werden praktikable KPIs identifiziert, mit denen sich die Biodiversitätsleistungen von Unternehmen messen lassen. Die Studie ist hier verfügbar und wird durch eine Excel-KPI-Sammlung ergänzt.

Darüber hinaus finden Sie in diesem Newsletter wie gewohnt eine weitere Auswahl an Initiativen, Gesetzen und Publikationen zum ganzen Themenbereich Sustainable Finance, die wir Ihnen gerne zur Aufmerksamkeit bringen.

Darüber hinaus finden Sie in dieser Newsletter wie gewohnt eine weitere Auswahl an Initiativen, Gesetzen und Publikationen zum ganzen Themenbereich Sustainable Finance, die wir Ihnen gerne zur Aufmerksamkeit bringen

Ihr VfU Team

Über dieses Dokument

Autor des Beitrags: Han Phan
Veröffentlichungsdatum: Mai 20, 2026