Newsletter „Sustainable Finance Kompakt“ 05/2026

Liebe VfU-Community,

Liebe Leserinnen und Leser,

der Mai 2026 hat einmal mehr gezeigt, dass Sustainable Finance sich zunehmend zu einer Frage der finanziellen Stabilität, Risikosteuerung und ökonomischen Resilienz entwickelt.

Besonders deutlich wird dies an der wachsenden Aufmerksamkeit für physische Klima- und Naturrisiken. Während in den vergangenen Jahren vor allem Transitionsrisiken und Dekarbonisierungspfade im Mittelpunkt standen, rücken nun die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen einer sich verändernden Umwelt stärker in den Fokus von Finanzinstituten, Aufsicht und Investoren. Die EZB hat in ihrem aktualisierten Kompendium zu Good Practices für Klima- und Naturrisikomanagement zusammengefasst, wie Banken klima- und naturbezogene Risiken inzwischen konkret in Governance, Szenarioanalysen und Stresstests integrieren und was ihrer Meinung noch fehlt, damit diese Risiken nicht wie bislang weiter unterschätzt werden. Denn laut Frank Elderson, Mitglied des Direktoriums der EZB, steuern wir auf ein „chaotisches Übergangsszenario mit erhöhter Unsicherheit“ zu, in dem es von „entscheidender Bedeutung sei, widerstandsfähig zu sein und auf eine Reihe möglicher Szenarien vorbereitet zu sein – einschließlich größerer und sich schneller entwickelnder Transitions- und physischer Risiken“. Dies moniert auch eine Analyse der World Benchmarking Alliance: Die Grundlagen für die Transitionsplanung werden geschaffen, die Kapitalallokation und der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bleibt jedoch weit hinter dem zurück, was für einen geordneten und widerstandsfähigen wirtschaftlichen Übergang erforderlich ist. Auch BaFin-Präsident Mark Branson betonte in einer Rede, dass Nachhaltigkeitsrisiken nicht nur formal „abgehakt“, sondern real in Steuerung, Risikomodelle und strategische Entscheidungen eingebettet werden müssen.

Wie tiefgreifend diese Herausforderungen inzwischen verstanden werden, zeigen zahlreiche Veröffentlichungen dieses Monats. Das University of Cambridge Institute for Sustainability Leadership weist darauf hin, dass physische Klimarisiken sich schneller materialisieren, als Finanzsysteme sie derzeit einpreisen können. Der vorgestellte Ansatz eines „Resilience-Adjusted Credit Risk“ macht deutlich, dass Anpassungsfähigkeit und Resilienz künftig selbst kreditrelevante Faktoren werden könnten. Gleichzeitig argumentiert Amundi, dass physische Risiken mittlerweile die gleiche Aufmerksamkeit erhalten müssen wie Transitionsrisiken – auch wenn deren Integration in Portfolio- und Risikomodelle methodisch erheblich komplexer bleibt.

Parallel dazu gewinnt die Natur- und Biodiversitätsperspektive weiter an Bedeutung. Mehrere Beiträge zeigen, dass Biodiversitäts- und Ökosystemrisiken zunehmend als systemische Finanzrisiken verstanden werden. Ein Whitepaper von Capgemini Invest & Klim beschreibt eindrücklich, wie Naturverluste Portfolios, Bewertungen und letztlich die Stabilität des Finanzsystems untergraben können. ISS STOXX, MSCI sowie der VÖB mit seinem NatureLAB-Workshop verdeutlichen zugleich, dass die methodischen Werkzeuge für integrierte Klima- und Naturanalysen inzwischen verfügbar sind und der Übergang von isolierten Klimabetrachtungen hin zu umfassenden Resilienzanalysen bereits begonnen hat. Auch die Europäische Investitionsbank beschäftigt sich mit der Frage, wie Biodiversitätsmärkte und Biodiversitätszertifikate privates Kapital für Renaturierung und naturpositive Investitionen mobilisieren können. Die zunehmende Relevanz naturbezogener Risiken zeigt sich schließlich auch beim Thema Wasser. Der WWF macht in einem neuen Leitfaden für Zentralbanken und Aufsichtsbehörden deutlich, dass Wasserkrisen längst nicht mehr nur Umweltprobleme darstellen, sondern unmittelbare Risiken für Preisstabilität, Finanzstabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

In Zeiten, in denen das pragmatische Lösen von akuten Problemen im Vordergrund steht, haben es grundsätzliche Themen oft schwer, Gehör zu bekommen. Umso mehr freut es uns, dass wir Ihnen gemeinsam mit der Universität Hamburg die im Rahmen des vom BMFTR geförderten Projekts „Sustainable Finance and Climate Protection“ ausgewerteten Ergebnisse von vier Jahren grundlegender Sustainable Finance Forschung am 16.6. vorstellen können. Links zur Anmeldung zu dieser und weiteren Veranstaltungen mit diversen Expert*innen finden Sie weiter unten.  Auch freuen wir uns, wenn auch Sie Ihre Fragen, Umsetzungslösungen und Ansätze mit uns und dieser Newsletter Community teilen!

Darüber hinaus finden Sie in dieser Newsletter wie gewohnt eine weitere Auswahl an Initiativen, Gesetzen und Publikationen zum ganzen Themenbereich Sustainable Finance, die wir Ihnen gerne zur Aufmerksamkeit bringen

Ihr VfU Team

Über dieses Dokument

Autor des Beitrags: Han Phan
Veröffentlichungsdatum: Juni 2, 2026