Liebe VfU-Community,
Liebe Leserinnen und Leser,
der Juli 2026 hat erneut verdeutlicht, wie eng die ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planeten mit wirtschaftlicher Stabilität und finanzieller Resilienz verknüpft sind. Während großflächige Waldbrände in Frankreich, Spanien und anderen Ländern und die häufiger auftretenden Hitzewellen erneut Menschenleben forderten, Infrastruktur beschädigten und erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachten, rückte Ende Juli mit dem Erdüberlastungstag zugleich ein symbolträchtiges Datum in den Fokus. Bereits Ende Juli hatte die Menschheit rechnerisch alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Beide Ereignisse führen eindrücklich vor Augen, dass Klima- und Naturkrisen längst keine isolierten Umweltprobleme mehr darstellen, sondern zunehmend zu ökonomischen Risiken werden, die Unternehmen, Finanzinstitute und Volkswirtschaften unmittelbar betreffen.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Veröffentlichungen des vergangenen Monats wider. Eine Bestandsaufnahme zeigt der neue State of Play Report der EFRAG zur Umsetzung der ESRS. Immer mehr Unternehmen veröffentlichen Klimatransitionspläne, setzen sich wissenschaftsbasierte Dekarbonisierungsziele und verknüpfen Nachhaltigkeitsziele mit der Vergütung ihrer Führungskräfte. Gleichzeitig bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Zwischen der Identifikation wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen und der Ableitung konkreter Maßnahmen bestehen vielfach noch erhebliche Lücken.
Dass diese Entwicklung inzwischen auch unmittelbare Auswirkungen auf das Kreditgeschäft hat, zeigt die aktuelle Umfrage der EZB, welche die Deutsche Bundesbank zum Kreditgeschäft deutscher Banken ausgewertet hat. Klimarisiken beeinflussen die Kreditvergabe bereits heute messbar: Banken verschärfen ihre Kreditrichtlinien gegenüber emissionsintensiven Unternehmen und wenig energieeffizienten Gebäuden, während Unternehmen im Transformationsprozess eine steigende Nachfrage nach Finanzierung aufweisen. Wie eng Klimarisiken inzwischen mit makroökonomischer Stabilität verbunden sind, unterstreicht auch Frank Elderson in einer Rede. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen im Nahen Osten argumentiert er, dass sowohl Energiepreisschocks als auch Klimarisiken Ausdruck derselben strukturellen Verwundbarkeit Europas seien – der anhaltenden Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Die grüne Transformation sei deshalb nicht nur klimapolitisch notwendig, sondern zugleich Industrie-, Innovations-, Sicherheits- und Stabilitätspolitik.
Gleichzeitig wird das Verständnis physischer Klimarisiken immer differenzierter. Eine aktuelle Studie der Banque de France zeigt, dass sowohl langfristige Temperaturanstiege als auch akute Hitzewellen die Kreditvergabe von Banken messbar beeinflussen. Die Ergebnisse legen nahe, dass klassische Kreditrisikomodelle diese Risiken bislang nur unzureichend erfassen. Auch der neue Report von Finanzwende Recherche verdeutlicht, dass Klimarisiken keineswegs gleichmäßig verteilt sind. Vielmehr konzentrieren sie sich regional, sektoral und portfoliobezogen – gerade deshalb gewinnen sie für regional tätige Institute wie Sparkassen und Genossenschaftsbanken zunehmend an Bedeutung.
Parallel dazu schreitet die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in das Risikomanagement international weiter voran. Mit zwei umfangreichen Veröffentlichungen liefert das Risk Centre der UNEP Finance Initiative sowohl eine Bestandsaufnahme als auch einen konzeptionellen Rahmen für die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in alle wesentlichen Elemente bankinterner Risikomanagementsysteme. Die Analysen zeigen, dass Governance-Strukturen inzwischen vielfach etabliert sind, die größte Herausforderung jedoch weiterhin in Datenverfügbarkeit, Risikoüberwachung und der Integration in bestehende Risikomodelle liegt.
Dabei zeigt sich zugleich, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht allein der Risikominimierung dient, sondern zunehmend auch ökonomische Chancen eröffnet. Der aktuelle Bericht des CDP verdeutlicht, dass Investitionen in Klima- und Umweltmaßnahmen vielfach bereits innerhalb weniger Jahre erhebliche wirtschaftliche Vorteile erzielen können – sei es durch geringere Kosten, höhere Effizienz oder vermiedene Schäden. Gleichzeitig macht eine gemeinsame Analyse von WWF und CDP deutlich, dass die Wirtschaft insgesamt noch weit von einem Entwicklungspfad entfernt ist, der mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens vereinbar wäre.
Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt unseres diesjährigen UNEP FI / VfU Roundtable 2026 „Finance & Sustainability: Resilienz.Rendite.Realität.“, der am 13. Oktober führende Vertreterinnen und Vertreter aus Finanzwirtschaft, Wissenschaft, Aufsicht und Politik zusammenbringt. Gemeinsam möchten wir diskutieren, wie sich Nachhaltigkeit zunehmend als strategischer Wettbewerbsfaktor etabliert, welche Rolle Transition Finance, Resilienz und naturbezogene Risiken künftig spielen und wie Finanzinstitute den Wandel aktiv gestalten können. Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie auf der Veranstaltungsseite des UNEP FI / VfU Roundtable 2026.
Ihr VfU Team
