Newsletter „Sustainable Finance Kompakt“ 08/2026

Liebe Leserinnen und Leser, Freundinnen und Freunde des VfU,

wenn man in diesen Wochen über die ausgetrockneten Flussbetten Europas blickt oder die Hitzerekorde des Sommers 2026 analysiert, dann spürt man, dass sich in der globalen Wirtschaft etwas fundamental verschiebt. Akute und chronische Klimarisiken sind nicht mehr nur theoretisch, sondern ganz praktisch finanz- und bilanzwirksam, wie die Publikationen des Monats August, die wir Ihnen hier vorstellen, belegen.

Die Kosten des Sommers

Die Triodos Bank liefert in ihrer Analyse „Hot Summer Economics“ eine bittere ökonomische Bilanz des europäischen Extremsommers 2026. Die extreme Hitze, Ernteausfälle und Logistikprobleme schlagen mit einem geschätzten Wachstumsverlust von rund einem Prozent des EU-BIP zu Buche. Das zeigt in aller Deutlichkeit: Hitzeschäden sind kein meteorologisches Randphänomen mehr, sondern ein messbarer, struktureller Bremsklotz für die europäische Wirtschaftsentwicklung.

Diesen Befund unterstreicht eine Analyse des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Zwar lässt sich vieles gegen Dürre und Niedrigwasser versichern, aber eben längst nicht alles und nicht automatisch. Die Botschaft der Versicherer ist eindeutig wie unbequem: Staatliche Nothilfen und privater Versicherungsschutz können die dringend notwendige Eigenvorsorge und die konsequente Klimafolgenanpassung der Unternehmen nicht ersetzen. Prävention ist der beste Schutz.

Dazu passen die Halbjahreszahlen von Swiss Re und Munich Re. Obwohl die versicherten Katastrophenschäden im ersten Halbjahr 2026 mit 42 Milliarden Dollar unter dem langfristigen Trend lagen, wird vor verfrühter Entspannung gewarnt. Die dramatisch steigende Zahl von Hitzetagen in Europa und eine immer früher einsetzende Waldbrandsaison zeigen, dass die langfristige Risikokurve unerbittlich nach oben zeigt. Die scheinbare Ruhe im ersten Halbjahr ist kein Trendbruch, sondern die Ruhe vor dem nächsten, teuren Sturm.

VfU und Wissenschaft

Aus der Wissenschaft erreichen uns gebündelte Erkenntnisse von insgesamt 14 Forschungsverbünden der BMFTR-Fördermaßnahme Klimaschutz und Finanzwirtschaft, die vier Jahre daran geforscht haben, was im Bereich Sustainable Finance funktioniert und nicht funktioniert und warum. Universität Hamburg und VfU haben die Befunde im Rahmen des Begleitforschungsprojekts SFCP kuratiert, ausgewertet und auf einer Webseite zugänglich gemacht. Wer sich einen Überblick über den Stand der KlimFi-Forschung verschaffen möchte, kann sich den Synthesebericht sowie neu auch die Factsheets zu den 14 Einzelprojekten mit konkreten Handlungsempfehlungen für Politik und Finanzpraxis anschauen. Wer noch tiefer Einblick nehmen möchte, findet dort ebenfalls die Veröffentlichungen dieser 14 Projekte selbst.

Forschung zu praxisrelevanten Fragestellungen betreiben die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats des VfU, unter ihnen Prof. Christian Klein und Marco Wilkens. Gemeinsam mit weiteren Autoren haben sie zwei Policy Briefs zum neuen staatlich geförderten Altersvorsorgedepot veröffentlicht, welches ab Januar 2027 an den Start kommt. Die Ergebnisse des Policy Briefs (WPSF PB 3/2026) legen die Sparer-Seele offen: Obwohl drei von vier Befragten angeben, das neue Altersvorsorge-Depot nutzen zu wollen, neigen sie mehrheitlich bei der Produktwahl wieder zu den altbekannten, renditeschwachen Garantieprodukten à la Riester. Eine weitere Autorengruppe um Prof. Wilkens zeigt in einem zweiten Policy Brief (WPSF PB 4/2026) zum Thema auf, dass mehr Renditechancen und Flexibilität im neuen Depot im Umkehrschluss auch ein höheres Risiko und deutlich mehr individuelle Verantwortung bedeuten. Anbieter von Altersvorsorgedepots sind hier vor die Frage gestellt, wie die Risiken (und Chancen) kommuniziert werden sollten, die mit den investierbaren Anlageklassen verbunden sind – sowohl am Ende als auch während der Ansparphase.

Mit Blick auf Nachhaltigkeit wollen laut Umfrageergebnissen aus dem ersten Policy Brief (WPSF PB 3/2026) rund zwei Drittel der Befragten Nachhaltigkeitskriterien im Standarddepot und eine höhere staatliche Förderung nachhaltiger Produkte. Zugleich wollen rund zwei Drittel selbst entscheiden, ob ihr Produkt Nachhaltigkeit berücksichtigt. Dass Nachhaltigkeitskriterien in der ansonsten zielführenden Reform kaum eine Rolle spielen, muss man als Versäumnis werten. Zu dessen Heilung enthält das Papier jedoch eine Idee: „Eine nachhaltige Voreinstellung im Standarddepot mit Ausstiegsmöglichkeit würde den Präferenzen einer deutlichen Mehrheit entsprechen, ohne jemanden festzulegen“. 

Transition Finance

Klar ist, die Transformation braucht jeden Euro, denn die finanzielle Aufgabe, die mit Investitionen im Kontext Klima verbunden ist, bleibt enorm, wie die jährliche Standortbestimmung Climate Finance Landscape der Climate Policy Initiative (CPI) zeigt (–>“must read„). Zwar haben die weltweiten Klimafinanzierungen mit über 2 Billionen US-Dollar im Jahr 2024 einen historischen Meilenstein erreicht. Doch die Euphorie verfliegt schnell beim Blick auf das Jahr 2035: Um eine klimaresiliente Zukunft zu sichern, müssen wir auf mindestens 6,2 Billionen Dollar jährlich beschleunigen. Die Lücke bleibt enorm groß.

Unterdessen vollzieht sich an den Märkten eine stille Revolution zuungunsten des aktiven Managements, wie der Quartalsbericht von Morningstar belegt. Während passive ESG-Strategien im zweiten Quartal 2026 Milliarden anziehen, verzeichnen aktive Nachhaltigkeitsfonds weitere Abflüsse. Die Investierenden wählen den billigen, standardisierten Index statt der teuren, tiefgehenden Einzelanalyse. Für die Transformationswirkung des Kapitals ist das eine zweischneidige Entwicklung.

Die Literaturauswahl der Newsletter dieses Monats zeigt: Die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit im Wirtschaftskontext ist kein linearer Spaziergang, sondern ein Ringen an vielen Fronten. VfU versteht es als seine Aufgabe, Informationen und Lernräume zum Umgang mit den neuen Entwicklungen zu bieten. In diesem Sinne finden Sie weitere Hinweise auf vertiefende Veranstaltungen, darunter unsere Jahreskonferenz, den UNEP FI / VfU Roundtable, die am 13. Oktober stattfindet und zu der wir Sie herzlich einladen.  

Herzliche Grüße
Ihr VfU

Über dieses Dokument

Autor des Beitrags: VfU Admins
Veröffentlichungsdatum: September 4, 2026