Liebe Leserinnen und Leser, Freundinnen und Freunde des VfU,
ein Blick auf aktuelle politische Entscheidungen zeigt, dass die Rahmenbedingungen für die nachhaltige Transformation dynamisch bleiben. Mit dem Inkrafttreten der EmpCo-Richtlinie werden die Anforderungen an umweltbezogene Werbeaussagen und Nachhaltigkeitsinformationen verschärft. Unternehmen müssen künftig stärker darauf achten, dass ihre Nachhaltigkeitsaussagen nachvollziehbar und belegbar sind. Auch für Finanzinstitute ist dies relevant, etwa im Hinblick auf die Kommunikation nachhaltiger Finanzprodukte und die Vermeidung irreführender Nachhaltigkeitsaussagen. Allerdings ist der Finanzsektor nicht in erster Linie Adressat der Regulierung, was zu vielen offenen Fragen führt.
Auch die deutsche Energie- und Haushaltspolitik setzt im September wichtige Akzente für die Transformation. Mit der im September vorgestellten Roadmap für den Ausstieg aus fossilen Energien hat die Bundesregierung einen Fahrplan für die schrittweise Abkehr von fossilen Brennstoffen vorgelegt. Für Finanzinstitute ist dabei insbesondere relevant, inwieweit sich daraus verlässliche Transformationspfade und Investitionsperspektiven für Unternehmen und energieintensive Branchen ergeben. Gleichzeitig verdeutlicht die Haushaltsplanung für den Klima- und Transformationsfonds (KTF) die Herausforderungen bei der Finanzierung dieser Transformation. Die im September diskutierten Planungen für 2027 sehen eine stärkere Gewichtung von Energiepreis- und Industriestromentlastungen vor, während der Anteil langfristiger Investitionen zurückgeht. Dies hat eine Debatte über die künftige Ausrichtung des Fonds ausgelöst: Während kurzfristige Entlastungen die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen unterstützen sollen, stellt sich zugleich die Frage, in welchem Umfang ausreichend Mittel für die strukturelle Dekarbonisierung und den Umbau der Wirtschaft bereitstehen.
Mit Blick auf die Biodiversität richtet sich die Aufmerksamkeit bereits auf die im Oktober stattfindende COP17 der UN-Biodiversitätskonvention in Armenien. Im Mittelpunkt stehen die Umsetzung des Globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal und eine globale Zwischenbilanz der Fortschritte bei der Erreichung der Biodiversitätsziele bis 2030. Zugleich dürfte die Finanzierung des Biodiversitätsschutzes eine zentrale Rolle spielen. Die weiterhin erhebliche Finanzierungslücke und die bislang unzureichenden Fortschritte bei der Umsetzung machen deutlich, dass neben öffentlichen Mitteln auch private Kapitalgeber stärker gefragt sind.
Gerade bei Naturrisiken wird deutlich, wie eng ökologische Abhängigkeiten und finanzwirtschaftliche Risiken miteinander verknüpft sind. Eine im August veröffentlichte Untersuchung der Deutschen Bundesbank, widmet sich der Abhängigkeit des deutschen Bankensektors von Ökosystemleistungen. Die Studie liefert damit einen wichtigen Ansatzpunkt, um Naturabhängigkeiten stärker in die Analyse von Kreditportfolios und die Bewertung finanzieller Risiken einzubeziehen. Wie sich diese Erkenntnisse in die Risikobewertung überführen lassen, beleuchtet auch die im September veröffentlichte Analyse von MSCI. Sie greift die Herausforderung auf, naturbezogene physische Risiken nicht nur grundsätzlich anzuerkennen, sondern methodisch zu erfassen und für konkrete Entscheidungen nutzbar zu machen.
Auch auf der Ebene der Aufsicht gewinnt die Integration von Klima- und Naturrisiken an Bedeutung. Der neue Leitfaden des Network for Greening the Financial System (NGFS) widmet sich der Frage, wie beide Risikodimensionen in die aufsichtliche Praxis eingebunden werden können. Die gemeinsame Betrachtung von Klima- und Naturrisiken unterstreicht, dass diese nicht isoliert voneinander verstanden werden sollten. Für Finanzinstitute erhöht sich damit die Bedeutung einer integrierten Risikoperspektive, die sowohl Wechselwirkungen als auch unterschiedliche Wirkungskanäle berücksichtigt.
Die Bedeutung einer vorausschauenden Risikobetrachtung wird auch durch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels unterstrichen. Der Allianz Climate Economics Report 2026 nimmt die zunehmenden ökonomischen Kosten klimabedingter Entwicklungen in den Blick. Eine zusätzliche Perspektive auf die künftige Entwicklung eröffnet der Bericht The Missing Middle: The Most Likely Climate Scenario the World is Tracking. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Lücke zwischen ambitionierten Klimazielen und den tatsächlich zu erwartenden Entwicklungspfaden. Dass zwischen Klimazielen und tatsächlicher Transformation weiterhin eine erhebliche Lücke bestehen kann, verdeutlicht der whatif? Report 2026 von right°.
Den übergeordneten Rahmen für diese Entwicklungen setzt ein neuer Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Er befasst sich mit den Folgen einer zeitweisen Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze und den verbleibenden Möglichkeiten, die globale Erwärmung anschließend wieder zu begrenzen. Der Bericht macht deutlich, dass sowohl die Höhe der maximalen Erwärmung als auch die Dauer der Überschreitung entscheidend für die künftigen Risiken sind.
Die beschriebenen Entwicklungen spiegeln sich auch in den Aktivitäten des VfU wider. Bei unserem UNEP FI / VfU Roundtable 2026 am 13. Oktober steht die Frage im Mittelpunkt, wie Finanzinstitute unter veränderten wirtschaftlichen, geopolitischen und ökologischen Rahmenbedingungen ihre strategische Handlungsfähigkeit sichern können. Unter dem Titel „Finance & Sustainability: Resilienz. Rendite. Realität.“ bringt die Konferenz Perspektiven aus Finanzwirtschaft und Wissenschaft zusammen. Im Fokus stehen unter anderem die Integration von Klima- und Naturrisiken, neue Analysemethoden, Resilienz als strategische Aufgabe sowie die wirtschaftlichen Chancen von Dekarbonisierung und Anpassungsfinanzierung. Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen!
Einen konkreten Beitrag zur praktischen Umsetzung leistet auch die neue Version 2026 des VfU-Kennzahlentools, die im September vorgestellt wurde. Das VfU Tool unterstützt Finanzinstitute bei der betrieblichen Umwelt- und Treibhausgasbilanzierung und wird kontinuierlich an neue methodische und regulatorische Entwicklungen angepasst.
Herzliche Grüße
Ihr VfU
