Liebe Mitglieder und Freund*innen des VfU,
am 16. Oktober 2025 kamen rund 150 Expertinnen und Experten aus Finanzwirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft in der L-Bank-Rotunde in Stuttgart zusammen, um über die Zukunft nachhaltiger Finanzsysteme zu diskutieren. Unter dem Titel Zeitenwende für Sustainable Finance? Zwischen Resilienz und Impact stand der diesjährige Roundtable von VfU und UNEP FI ganz im Zeichen des Wandels – und der Frage, wie Nachhaltigkeit auch unter Druck Bestand hat.
Nach der Begrüßung durch Dr. Benjamin Quinten (L-Bank) hatte VfU Vorstandssprecherin Julia Taeschner (DWS Group) das Wort und konstatierte, dass das Jahr 2025 für Sustainable Finance einen Prüfpunkt darstellt. Sustainable Finance müsse jetzt die Beweisführung dafür leisten, wofür sie angetreten sei. Für Johanna Dichtl (UNEP FI) steht Letzteres fest: In einer Welt, in der das Finanzrisiko der Klimakrise „underpriced“ ist, stehe die Integration von Nachhaltigkeit ins Finanzgeschäft für ökonomische Vernunft: Die nachhaltige Transformation der Finanzwirtschaft bleibe zentral – gerade weil sich die Rahmenbedingungen verschärfen.
Silke Stremlau eröffnete mit ihrer Keynote Zukunftsszenarien für Sustainable Finance – Innovationen und neue Narrative und zeichnete drei mögliche Entwicklungspfade der kommenden Jahre: von der regulatorischen Beschleunigung über die fragmentierte Transition bis zur grünen Rezession. Die Stimmung unter den Teilnehmenden, welches Szenario sich realisiert, war nicht eindeutig. Dennoch Ihr Appell: nicht abwarten, Maßnahmen sofort umsetzen, in Infrastruktur investieren, die Stärkung von Resilienz, Nachhaltigkeit und Sorgfaltspflichten bedeuten eine langfristige Stärkung gegenüber den USA und China. Den Sustainable Finance Professionals gab sie das Motto mit auf den Weg: „Der Sturm wird stärker. Macht nichts. Ich auch“.
Prof. Dr. Ulrich Klüh (Hochschule Darmstadt) spannte anschließend den Bogen zwischen Polykrise und Transformation. Dabei appellierte er, mit Blick auf die Nachhaltigkeitsherausforderungen, über die Lösung der Ursachen von Problemen zu sprechen, anstatt reiner Symptombehandlung. Sein Fazit frei nach Bruno Latour: Die Weltgesellschaft befindet sich in einem Flugzeug in Richtung einer Welt ohne klares neues Ziel – und die Rückkehr in die alte Welt ist keine Option. Transformation erfordert neue Navigationskoordinaten.
In der ersten Paneldiskussion, moderiert von Dr. Max Weber (EY), diskutierten Prof. Henning Vöpel (CEP), Jürgen Kern (KfW), Dr. David Döhrmann (Deutsche Bundesbank) und Simone Ruiz-Vergote (MSCI), welche Weichen nun vor dem Hintergrund der veränderten Rahmenbedingungen gestellt werden müssen. Umdenken funktioniere nur, wenn man sich nochmal vergewissere, wo man stehe und was sich bewährt habe bzw. was sich nicht bewährt habe und ob es möglicherweise strukturelle Fehler im System Sustainable Finance gebe. Im Folgenden wurde ein kritischer Rückblick auf die vergangenen Jahre Sustainable Finance vorgenommen und Ansatzpunkte für konkrete Anpassungen auf dieser Basis diskutiert. Einigkeit herrschte darüber, dass Nachhaltigkeit längst Kernelement wirtschaftlicher Stabilität sei und Zukunft und Nachhaltigkeitsthemen nicht Gegenstand (politischer) Kulturkämpfe sein dürften. Mehr Materialität wagen lautete deshalb eine der Abschlussbotschaften.
Der Nachmittag stand im Zeichen der Kapitalmärkte und ganz konkreter Finanzierungsfragen:
Alexander Schwarz (Bürgschaftsbank BW) und Jan Vorkötter (L-Bank) zeigten, wie finanzielle und nicht-finanzielle Förderinstrumente KMUs in Baden-Württemberg unterstützen können. In der Paneldiskussion Transformationsstandort Deutschland – Mit öffentlich-privaten Partnerschaften in Wettbewerbsfähigkeit investieren, moderiert von Rike Feil (LBBW Asset Management) wurden öffentlich-private Partnerschaften am Beispiel Transnet als Schlüsselfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts hervorgehoben.
Prof. Christian Klein (Universität Kassel), Prof. Marco Wilkens (Universität Augsburg) –beide im wissenschaftlichen Beirat des VfU – und Florian Sommer (Union Investment) beleuchteten in einer Expertenrunde, wie Kapitalmärkte als Hebel für nachhaltige Entwicklung wirken können. Dabei zeigten die Wissenschaftler die Erkenntnisse neuester Forschung und formulierten Empfehlungen aus wissenschaftlicher Sicht: Wirkungen (Impact) von Geldanlagen sollten ebenso systematisch erfasst werden wie Auswirkungen von Unternehmen und Externalitäten.
In den parallelen Deep Dive Sessions ging es praxisnah weiter:
- Luiza Linton und Urata Biqkaj-Müller (Magnolia Consulting) sowie Michael Flämig (LBBW) diskutierten Dekarbonisierungspläne in Finanzinstituten.
- Dr. Patrick Greß (evolutiq Impact Advisory) teilte Einblicke zum Wirkungsmanagement von Förderbanken.
- Prof. Tobias Popovic (Hochschule Stuttgart) präsentierte und diskutierte innovative Finanzierungsansätze für die Gebäudewende.
- Emma Roach (Orbiture) betonte Resilienz als Transformationskompetenz: Wandel erfordert Haltung – auch bei Gegenwind. Dies übte sie anhand von Erfahrungen aus der Praxis mit den Teilnehmern ein.
Die Umfrage zum VfU Sustainable Finance Themenradar 2026 ist fast abgeschlossen – wer noch nicht mitgemacht hat, ist aufgeordert noch schnell beizutragen – erste Ausschnitte aus den Ergebnissen zeigen bspw.: Die Nachhaltigkeitsfunktion in Finanzinstitutionen bleibt eine wichtige eigenständige Funktion und ihre strategische Bedeutung im Unternehmen nimmt eher zu.
Auf dem Abschlusspanel diskutierten Wiebke Merbeth (Deloitte), Bettina Storck (Commerzbank) und Hendrik Schmidt (DWS), moderiert von Henrik Ohlsen (VfU), die These: Sustainable Finance is Finance? Ausgangsprämisse war, dass die Finanzwirtschaft nicht in einem Vakuum agiert, sondern sie ihren Beitrag nur ausfüllen kann, wenn der Wirtschaftsrahmen, die Unternehmensstrategien und das Underwriting auf Transformation ausgerichtet sind. Aus Sicht der Kapitalanlage wurde deutlich gemacht: „Governance is key“. Das Panel bewertete die These Sustainable Finance is Finance?! – klar als gültig, bei gleichzeitiger Feststellung einiger offener Baustellen auf den drei Ebenen.
Nach einem vollen Tag Kopfarbeit setzte Stella Schaller (Reinventing Society) den Schlusspunkt und holte die Teilnehmenden mit ihrem bilderreichen Vortrag über Resilienz und Sinnstiftung in Krisenzeiten zurück auf die Ebene des Fühlens, Spürens, Visionierens. Ihr Zitat hallte nach: „Zukunftsbilder geben Orientierung und Sinn – besonders dann, wenn vieles unsicher scheint.“
Der Roundtable 2025 machte deutlich: Sustainable Finance befindet sich in einer Phase der Selbstvergewisserung und der (Selbst-)Korrektur. Zwischen physikalischem „Druck“ des Klimawandels, politischen Unsicherheiten und gesellschaftlicher Skepsis bleibt die Aufgabe, Transformation als Gemeinschaftsprojekt zu verstehen und das Momentum nicht abbrechen zu lassen.
In der 30-jährigen Geschichte des VfU, die an diesem Tag ebenfalls gefeiert wurde, konnte der VfU immer wieder Phasen des Gegenwinds und der Pausen bezeugen. Im Ergebnis aber ist festzustellen: Die Nachhaltigkeitsintegration im Finanzsektor wird immer tiefer. In diesem Sinne sehen wir der nächsten Generation von Sustainable Finance positiv entgegen und freuen uns, den State of the Art von Sustainable Finance am UNEP FI / VfU Roundtable 2026 wieder mit der Community weiterzubringen und zu diskutieren.
Wir danken allen Mitwirkenden, Partner:innen und Teilnehmenden für ihre Impulse und den offenen Dialog. Die Diskussion geht weiter – resilient, kritisch und gemeinsam.
Darüber hinaus finden Sie wie gewohnt eine weitere Auswahl an Initiativen, Gesetzen und Publikationen zum ganzen Themenbereich Sustainable Finance, die wir Ihnen gerne zur Aufmerksamkeit bringen.
Ihr VfU Team
