Liebe Leserinnen und Leser, Freundinnen und Freunde des VfU,
der Verlust biologischer Vielfalt, die zunehmenden Folgen des Klimawandels und die wachsenden wirtschaftlichen Schäden durch Extremwetter machen deutlich, dass Nachhaltigkeit für die Finanzwirtschaft längst mehr ist als eine Frage langfristiger Zielsetzungen. Entscheidend ist zunehmend, wie sich ökologische Veränderungen auf Unternehmen, Vermögenswerte und ganze Wirtschaftsregionen auswirken – und ob es gelingt, Risiken frühzeitig zu erkennen, wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit aufzubauen und die notwendigen Investitionen zu mobilisieren. Die Veröffentlichungen im Oktober beleuchten diese Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven: vom Zustand der globalen Natur über die Entwicklung der Treibhausgasemissionen bis hin zu den Grenzen der Versicherbarkeit und der Bedeutung belastbarer Messgrößen.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist der neue Living Planet Report des WWF, der die Entwicklung der biologischen Vielfalt und den Zustand der Ökosysteme weltweit in den Blick nimmt. Er bildet auch ein Hintergrundrauschen für die Weltnaturschutzkonferenz COP 17 zur Umsetzung des Globalen Biodiversitätsrahmens in Armenien, die heute zu Ende geht. Die Exekutivsekretärin der Konvention verwies dabei auf ein Missverhältnis: Für jeden Dollar, der in die Wiederherstellung der Natur fließe, würden 30 Dollar für naturzerstörende Zwecke ausgegeben. Der Rückgang von Arten und die Verschlechterung natürlicher Lebensräume sind nicht allein ökologische Probleme. Sie beeinträchtigen auch wirtschaftliche Aktivitäten, die von funktionierenden Ökosystemen und deren Leistungen abhängig sind. Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie sich Fortschritte beim Schutz und bei der Wiederherstellung der Natur nachvollziehbar messen lassen. Genau hier setzt das im Oktober veröffentlichte Rahmenwerk der Nature Positive Initiative an. Der Rahmen soll eine gemeinsame Grundlage schaffen, um Veränderungen des Naturzustands anhand wissenschaftlich fundierter und praktisch anwendbarer Indikatoren zu erfassen. Damit adressiert er ein zentrales Hindernis für die Umsetzung naturbezogener Ziele: Ohne geeignete Messgrößen bleibt häufig unklar, ob Maßnahmen tatsächlich zu einer Verbesserung des Zustands von Ökosystemen beitragen. Zahlreiche Publikationen zum Thema Biodiversität und Natur sind im Rahmen der COP 17 erschienen, einen kleinen Einblick finden Sie im Newsletter.
Wie unmittelbar ökologische Veränderungen bereits heute die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen prägen, zeigt das Faktenpapier 2026 des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zu Extremwetter in Deutschland. Es fasst den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu extremen Wetterereignissen und ihren Veränderungen im Zuge des Klimawandels zusammen. Für Unternehmen und Finanzinstitute sind die Folgen von Hitze, Starkregen, Dürren und anderen Extremereignissen nicht abstrakt: Sie können Produktionsabläufe unterbrechen, Lieferketten beeinträchtigen, Infrastrukturen beschädigen und die Werthaltigkeit von Immobilien und anderen Vermögenswerten beeinflussen.
Die globale und langfristige Perspektive zeigt erneut der Emissions Gap Report 2026 des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) auf. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass die globale Erwärmung die Marke von 1,5 °C überschreiten wird. Zugleich beschreibt er einen möglichen Pfad, um die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 °C zu begrenzen. Dafür müssten die globalen Treibhausgasemissionen gegenüber 2025 bis 2030 um 18 Prozent, bis 2035 um 45 Prozent und bis 2040 um 69 Prozent sinken. Die aktuellen Klimazusagen reichen für diesen Pfad bei Weitem nicht aus. Der Bericht verdeutlicht damit die Dringlichkeit zusätzlicher Emissionsminderungen und einer konsequenten Umsetzung bereits verfügbarer Klimaschutzmaßnahmen.
Wie stark Klima- und Naturrisiken auch die Versicherbarkeit und damit die Stabilität wirtschaftlicher Aktivitäten berühren, thematisieren anonyme Verantwortliche in Versicherungen. Die zunehmende Belastung durch klimabedingte Schäden stellt die Versicherungswirtschaft vor grundlegende Herausforderungen. Wo Risiken schwerer kalkulierbar werden und Versicherungsschutz teurer oder nicht mehr verfügbar ist, entstehen auch für Banken, Investoren und Unternehmen neue Unsicherheiten. Die Entwicklung macht deutlich, dass Resilienz nicht allein durch die Absicherung bereits eingetretener Schäden erreicht werden kann. Ebenso wichtig sind präventive Maßnahmen, die Risiken reduzieren, die Anpassungsfähigkeit von Standorten erhöhen und langfristig die Versicherbarkeit sichern.
Für Finanzinstitute wird es zunehmend entscheidend sein, diese Aspekte im Kerngeschäft zusammenzuführen – im Risikomanagement, in der Kundenberatung und in der strategischen Ausrichtung von Kredit- und Anlageportfolios. Welche Themen Finanzinstitute vor diesem Hintergrund wie stark priorisieren, fragen wir jährlich in unserem Sustainable Finance Themenradar ab. Die Befragung beleuchtet unter anderem Risikomanagement, Transitionsplanung, Berichterstattung, Umsetzungsstand und Ressourcen sowie Treiber und Hemmnisse der Nachhaltigkeitsintegration. Bringen Sie Ihre Perspektive ein und helfen Sie mit, zentrale Themen für die Praxis sichtbar zu machen.
Herzliche Grüße
Ihr VfU
