UBi Publikation: Biodiversität in der Kreditvergabe aus Sicht von FinanzinstitutenRückblick: VfU Jahresauftakt 2026

Biodiversität im Bankensektor: Vom Randthema zum strategischen Hebel

Dieses Factsheet fasst die zentralen Erkenntnisse aus qualitativen Interviews mit Nachhaltigkeitsverantwortlichen in deutschen Banken, die sich bereits aktiv mit Biodiversität im Kontext ihres Kreditgeschäfts beschäftigen, zusammen. Ziel ist es, erste relevante Schritte der Banken sichtbar zu machen, praktische Erfahrungen zu bündeln, um diese mit anderen Finanzinstituten zu teilen und Empfehlungen für politische Akteure abzuleiten. Die Perspektive der Befragten ist dabei eindeutig: Biodiversität ist kein Randthema mehr, sondern wird seit etwa 2020 zunehmend als relevantes Geschäfts-, Risiko- und Transformationsthema verstanden. Dennoch befindet sich die operative Integration – insbesondere in der Kreditvergabe und bei der Nutzung konkreter KPIs – in vielen Häusern noch in einer frühen Entwicklungsphase.

 

In den Kreditprozessen erfolgt die Integration von Biodiversitätsaspekten bislang vor allem indirekt, etwa über bestehende ESG-Scorings, Sektorrichtlinien oder thematische Vorgaben wie zur Vermeidung von Entwaldung. Quantitative Ansätze sind selten, stattdessen dominieren qualitative Bewertungen, beispielsweise auf Basis von Tools wie ENCORE. Erste Banken haben Biodiversität bereits in Risiko-Scores oder nachhaltige Finanzierungsrahmenwerke integriert, allerdings bleibt die tatsächliche Durchdringung im Kerngeschäft begrenzt. Auch bei Sustainability-Linked Loans spielt Biodiversität bislang kaum eine eigenständige Rolle, sondern wird eher ergänzend zu Klimazielen oder unter breiteren „Nature“-Aspekten berücksichtigt. Das Potenzial wird zwar als hoch eingeschätzt, die Nachfrage seitens der Kunden ist jedoch bislang gering.

 

Als größte Herausforderung gilt die Datenverfügbarkeit auf Kundenseite. Insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen bestehen erhebliche Lücken, und auch die Erwartungen an zusätzliche Daten durch regulatorische Entwicklungen wie die CSRD haben sich bislang nur teilweise erfüllt. Damit verbunden sind Schwierigkeiten bei der Messbarkeit und beim Monitoring von Biodiversitätswirkungen sowie beim Aufbau belastbarer KPIs. Hinzu kommen ein begrenztes internes und externes Know-how, ein hoher Abstimmungsaufwand sowie die bislang geringe Priorität des Themas in Kundengesprächen. Insgesamt erschwert dies eine systematische Integration in Kreditentscheidungen und Finanzierungsprodukte.

 

Gleichzeitig wurden in den vergangenen zwei Jahren deutliche Fortschritte erzielt. Dazu zählen insbesondere die stärkere strategische Verankerung, die Integration in das Risikomanagement, der Aufbau erster Datenstrukturen, die Weiterentwicklung von Richtlinien sowie eine verbesserte interne und externe Berichterstattung. Auch die organisatorische Verankerung und die Klärung von Zuständigkeiten haben sich weiterentwickelt. In der Praxis zeigt sich, dass ein pragmatischer Ansatz entscheidend ist: Viele Institute empfehlen, zunächst qualitativ zu starten und erst schrittweise zu quantifizieren, sich auf besonders relevante Sektoren und Risiken zu konzentrieren und mit Pilotprojekten zu beginnen. Eine Kombination aus externen und internen Daten, eine stärkere bereichsübergreifende Zusammenarbeit sowie gezielte Schulungen und ein „Learning by Doing“-Ansatz werden als zentrale Erfolgsfaktoren gesehen. Besonders wichtig ist zudem der Kundendialog, insbesondere die Einbindung von Firmenkundenberatern, um Biodiversität stärker in Finanzierungsentscheidungen zu integrieren.

 

Biodiversität wird in den befragten deutschen Finanzinstituten verstärkt strategisch verankert, operativ ist es allerdings noch im Aufbau. Insbesondere im Kreditgeschäft und bei der Nutzung belastbarer KPIs bestehen noch erhebliche Lücken. Gleichzeitig zeigen erste Ansätze aus den Banken, dass praktische Lösungen möglich sind und den Kundendialog sowie das Risikoverständnis verbessern. Für eine breitere und tiefere Integration sind vor allem bessere Daten, klarere regulatorische Vorgaben und anerkannte Standards, etwa in der Zielsetzung die SBTN oder TNFD, politische Unterstützung und ein stärkerer Austausch zwischen Finanzwirtschaft, Realwirtschaft und Politik entscheidend.

Über dieses Dokument

Autor des Beitrags: VfU Admins
Veröffentlichungsdatum: April 30, 2026